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Ein unverwechselbares Stück Lebensgefühl.

Twinni 125x110Twinni ist nicht nur ein Eis, sondern ein Gefühl


von Hanni Rützler

Die Stimmung der 50er und 60er Jahre war in Österreich geprägt von einem engmaschigen Moralgeflecht, von starkem Pflichtbewusstsein, sozialer Kontrolle und Repression. Die Jugendrevolte Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre brachte einen radikalen Stimmungsumschwung. Die Autoritätsgläubigkeit wurde mehr und mehr abgebaut und die zunehmende Selbständigkeit förderte das Selbstbewusstsein der jüngeren Generation: die Haare wurden länger, die Röcke kürzer, Atem, Gang und Rede freier. Die Relativierung der Moral entlastete das Individuum, gelockerte Wertvorstellungen ermöglichten neue Lebensformen, kurzum, der Deregulierungsprozess im weltanschaulichen Bereich schaffte Frei- und Spielraum.

Diese außerordentlich kreative Ära spiegelt sich auch in der Lebensmittelproduktion dieser Jahre wider.

Eine Vielzahl kulinarischer Trends schwappte zudem aus den damals politisch und wirtschaftlich einflussreichen USA nach Europa über. Waren es in den 40er und 50er Jahren die US-Soldaten, die Kaugummi und Schokolade als gefragte Souvenirs mitbrachten, so waren es in den Jahrzehnten darauf vor allem der American Way of Life mit Cola, Popcorn, Cornflakes und Hamburgern, der den Fortschrittsglauben und die kulinarischen Zukunftsfantasien auch in der Alten Welt beflügelte. Diese Zeit war geprägt vom Wirtschaftswunder, dem festen Glauben an den Fortschritt der Technik und die Naturbeherrschung. Der Machbarkeit schienen keine Grenzen auferlegt. Diese Zukunftseuphorie fand ihren Höhepunkt in der geglückten Mondlandung durch Apollo 11 am 20. Juli 1969. Kein Wunder, dass im Zuge dieser ersten außerirdischen Expedition eine Weltall-Euphorie einsetzte, die auch die Lebensmittelproduktion inspirierte und sich in der Gestaltung von Esswaren niederschlug.


Die Zukunftseuphorie nimmt Form und Farbe an


Aber nicht nur die Zukunftseuphorie, auch die optische und geschmackliche Anpassung an den Zeitgeist verhalf neuen Nahrungsmitteln und insbesondere den „essbaren Marken“ zu Popularität. Typisch für die 50er und 60er ist das puristische, technologieverliebte Design, das sich auch in den funktionalen Formen abzeichnet: Die Gestaltung von Twinni – die deutlich auf die futuristische Raketen-Ästhetik verweist – ist dafür ein Paradebeispiel. Damit hat es sich bis heute erfolgreich gegen vielfältige Konkurrenz behauptet. Es ist aber nicht nur die Form, es sind vor allem auch die zwei typischen Geschmacksrichtungen Orange und Birne, die diesem Eis- Klassiker sein unverwechselbares Profil verleihen.


Die kräftigen Twinni-Farben stehen in der Farbpsychologie, die ihre ersten Erfolge Mitte der 60er Jahre feierte und unser Leben – wissenschaftlich untermauert – danach deutlich bunter machte, für Lebensfreude, Optimismus, Spaß und Aktivität (Orange) sowie für Frische, Natürlichkeit, Gesundheit, Jugend, Hoffnung und Zuversicht (Grün). Sie korrespondieren damit mit der optimistischen, jugendbewegten Aufbruchsstimmung jener Zeit, von der wir uns noch immer gerne anstecken lassen.


Grün oder orange?


Orange entsteht aus einer Mischung aus Rot und Gelb. Genannt nach der gleichnamigen Frucht, ist Orange eine exotische Farbe geblieben. Der Name der Farbe ist so außergewöhnlich, dass es kein deutsches Wort dafür gibt und auch kein englisches, das sich auf orange reimt. Dinge können – zumindest im Schlager – „grün, grüner, am grünsten“ sein, aber es gibt kein gesteigertes Orange. Orange bleibt ein Statement, von großem Signalwert und vielfältigem Aroma. Denn Orange changiert zwischen Rot (= süß) und Gelb (= sauer). Orange ist die Farbe des Vergnügens, der Geselligkeit, des Lustigen. Es wirkt anregend und stimulierend.


Grün hingegen ist die Farbe des Lebens, der Jugend und der Gesundheit. Steht für Natur und Natürlichkeit. Die Farbe des Frühlings, der florierenden Geschäfte und der Fruchtbarkeit. Grün gilt als besonders beruhigende Farbe. Es ist die Farbe der Geborgenheit, der Hoffnung, der Zuversicht und der beginnenden Liebe. Friedrich Schiller schrieb über die junge Liebe: „Unsere Bekanntschaft ist noch grün“. Und Grün ist auch die Farbe der Frische: „grünes Holz“ ist frisches, nasses Holz. Die Bezeichnung „Grünschnabel“ bezieht sich auf die grünliche Haut, die junge Vögel um den Schnabel haben. Auch die Haut an den Hörnern junger Böcke ist noch grün, daher das „Greenhorn“ der Engländer. „Green meat“ ist daher in England kein grünes, sondern frisches Fleisch und ein „Evergreen“ ist ein Schlager, der zwar alt ist, aber immer noch frisch und jung wirkt.


Die Kombination von Grün und Orange wird als aromatisch wahrgenommen und in diesem Sinne steht sie für viel Geschmack.


Spielerisch geteilte Genusserfahrung


Der Name Twinni, inspiriert durch das englische Wort twins (für Zwillinge), ist längst zu einer rhetorischen Figur geworden, die als Metapher in der Politik ebenso wie als Synonym für „die zwei Seiten der Medaille“. Zahlreiche andere Produkte, vom Kinderwagen über Fahrradträger bis zum Schnurlostelefon, mit „i“ oder „y“ geschrieben, setzen auf das implizite Versprechen des Namens, dass man mit dem Erwerb eines Produkts doppelt soviel erhält. Nur beim Eis jedoch ist die Teilbarkeit wesentlicher Bestandteil des Konzepts, das zum Teilen und zum gemeinsamen, verbindenden Genuss anregt – oder zum spielerischen Streit um den grünen oder orangen Teil.


Weil beide Teile unterschiedliche Geschmackserlebnisse versprechen, drängt sich auch das bewusste, vergleichende Erschmecken der unterschiedlichen Aromen auf. Diese wollen aber Schritt für Schritt freigelegt werden, denn Eis versteckt seinen Geschmack zunächst. Er ist im wahrsten Sinne tiefgefroren, muss – mithilfe der eigenen Körpertemperatur - erschlossen werden. Erst auf der warmen Zunge schmelzen die Eiskristalle und geben ihre Aromen frei. Und weil Eis am Stiel beim Schlecken tropft und sich die Schokoladenglasur beim Erwärmen löst, erfordert der Genuss besondere Aufmerksamkeit.


Mehr noch: Weil man an Twinni nicht nur schlecken, sondern auch knabbern und saugen kann, stellen sich noch ganz andere Sinneswahrnehmungn ein: vom sanften Schmerz beim Knabbern mit den Zähnen oder beim ersten Kontakt der Lippen mit den Eiskristallen bis zum wohligen Schmelzen der Schokolade auf der Zunge.


Der Genuss von Twinni lädt daher nicht nur zum verbalen Austausch ein, sondern auch zum bewussten, gemeinsamen Geschmackserleben. Als unverwechselbares Stück österreichischer Zeitgeschichte könnte Twinni daher auch Pate stehen für eine neue Variation einer bekannten österreichischen Lebensweisheit: „Beim Genießen kommen d’Leut’ z’amm.“

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